LA DÉFENSE DE LA PEINE

11Ch-Video, col-sw, 21:27, 2017

(Simulation der Bühnen/Raumsituation)

 

Nachstehender Text (als Teil eines Vortrags) entstand während der Arbeit an „La Défense de la Peine“ (Die Verteidigung des Schmerzes) 2017. Der Text thematisiert ein Problemfeld, das mit AI (Artifical Intelligence, KI - Künstliche Intelligenz) umschrieben wird. Hierin geht es um Entwicklungen, von denen angenommen werden darf, dass sie die Lebenswelt der kommenden Generation(en) für immer verändert. Gemeint ist eine vom Menschen entwickelte, sich von diesem aber zunehmend lösende „intelligente“ Technologie, von der nicht sicher gesagt werden kann, dass sie KEINE Bedrohung darstellen wird. „Intelligente“ Technologien sind zunehmend in der Lage nicht nur Tätigkeiten zu übernehmen, die der Mensch nicht übernehmen will, kann, darf oder sollte, sondern die auch uns vertraute Begriffe wie „Wahrheit“, „Ethik“, „Moral“ grundlegend in Frage stellen. Allein die Entwicklungen im Bereich der digitalen bildgebenden Verfahren sind dazu angetan, grundsätzliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit jedweden Bildes zuzulassen. Nichts ist mehr so, wie es medial vermittelt erscheint. Computergestützte Errechnungen neuer Wirklichkeiten sind längst keine Domaine des Kinos mehr! Alles, was medial als wahr rezipiert wird, ist es nicht mehr. Wenn aber Zweifel und Misstrauen zentrale Zugänge zur Welt kontrollieren, wird die Welt in der wir leben, nicht mehr die sein, in der es sich zu leben lohnt. Die „Verteidigung des Schmerzes“ spielt also an auf die Unwiderruflichkeit mit der eine ANDERE - uns vertraute und vertrauenswerte - Welt verloren geht. - Anderswo auf der Welt, wo der Verlust nicht spürbar ist, sind Einsichten wie diese von gänzlich anderer Evidenz. Naturnah lebende Völker wie z.B. die Mapuga auf Papua Neuginea werden Ängsten dieser Art mit Unverständnis begegnen. Ihr Leben, ihre Kultur ist überlebens- und zukunftsfähig, obwohl sie über keine der uns als unverzichtbar erscheinenden Techniken verfügen. Ob sich der Westen mit seiner technologischen Dominanz durchsetzen und überall auf der Welt irdischer MenschenExistenz seinen Stempel aufdrücken wird, oder ob am Ende WIR in archaische Stammesverbände zurückkehren und wie die entlegen lebenden Mapugas technologiefern werden existieren müssen, weil „intelligente“ Technologien unsere Lebensgrundlagen zerstört haben, ist nicht sicher zu prognostizieren. Beides ist denkbar. Vor beidem sich zu ängstigen verständlich; den darüber empfundenen Schmerz zu respektieren, selbstverständlich. „La Défense de la Peine“ ist meinen beiden Kindern (6 + 3 Jahre alt) gewidmet, die mit diesen Herausforderungen werden leben und sie bewältigen müssen. Ob die Erde so unbewohnbar wird wie der Mond, oder ob wir auf ihr Wesen entstehen lassen, die so fremdartig sind wie die des tiefen Ozeans, wird sich zeigen. Der Schluss von „La Défense de la Peine“ zeigt letztere in merkwürdiger Kombination mit rituellen Alienationen der Mapugas.

 

(…) Wenn Gegenwart medial ist und wir dieser Behauptung für einen Moment Glauben schenken, dann sind wir, so könnten wir einwenden, als Menschen, die immerhin noch einen KÖRPER besitzen, der langsam, fragil und verletzlich ist nicht digitalisierbar. Trotzdem sind wir einem völlig neuartigen STRESS ausgesetzt, gegen den, der unsere frühen vorgeschichtlichen Ahnen angesichts von Unwetter, Erdbeben und Überschwemmung peinigte, wie ein harmloses, schnell vorüberziehendes Sommergewitter anmutet. Wie niemals zuvor treten ZEITGENOSSEN in ihrer psychischen und physischen Gesamtheit in KONKURRENZ zu DIGITALEN Kopien ihrer selbst, die sich anschicken die „Originale“ an Tempo, Effizienz und Macht weit hinter sich zu lassen. Im Gegensatz zum Digitalisat, können wir uns nicht verflüssigen, nicht verwandeln und nicht mit Lichtgeschwindigkeit Raum und Zeit außer Kraft setzen. All das ist dem digitalen Pendant ein leichtes. Und auch die Tatsache, dass bislang nur Bilder samt einem RiesenHaufen persönlicher und intimster Informationen durchs Netz rasen, läßt keineswegs den Schluß zu, es bliebe dabei. Die digitale Revolution wird, so viel ist sicher, nach und nach alle REPRÄSENTATIONEN des Lebendigen erobern, die dem Realen, Wirklichen, Echten zugesprochen werden: 3- resp. 4-Dimensionalität, Gerüche (aktiv wie passiv), Taktilität, Simulation von Gestik, Mimik, Emotionalität samt der Implementierung „gefühlsechter“, weil Gefühle glaubhaft simulierenden Algoritmik usw. Das Moore’sche Gesetz, wonach sich alle 18-24 Monate die Rechnerleistung verdoppelt, gilt noch immer. Trotz einiger Einschränkungen technischer Art ist abzusehen, dass es dabei auch noch einige Zeit bleiben wird. Was DAS bedeutet, vermag sich im Moment kaum jemand auszumalen. Als Paradigmenwechsel ist anzusehen, wenn Rechner anfangen ihresgleichen zu designen. Hier befinden wir uns z.Z, allerdings noch unter Anleitung menschlicher Intelligenzen. Was Rechner, die durch Rechner designt werden, in naher Zukunft leisten können, wissen wir nicht. Und inwieweit diese Maschinen, gleich uns, eine mentale Welt um sich herum erschaffen werden, in der es, ebenso wie bei uns von kulturellen Errungenschaften, symbolischen Aufladungen und technologischen Riesensprüngen nur so wimmeln wird, wird unserer Wahrnehmung verborgen bleiben. - Schon jetzt sind fotorealistische Abbildungen einer nichtrealen, rein mathematischen Wirklichkeit Alltag - aber es ist eine menschliche Welt, die da paraphrasiert wird. Auch an akutische Aufenthalte in nichtrealen Kathedralen und Industriehallen haben wir uns gewöhnt - aber es sind Menschenohren, die solches erkennen. Wie und was intelligente Maschinen wahrnehmen werden, werden wir nie erfahren! Das sie sämtliche anthropoide Dialekte rasend schnell lernen werden ist sicher. - Die übrigen menschlichen Sinneswahrnehmungen sind zwar schwieriger zu simulieren, aber deren digitale Repräsentationen werden nicht lange auf sich warten lassen. Ist also in nicht allzu ferner Zukunft der Fall denkbar, dass sich künstliches Leben nicht mehr vom „wirklichen“ unterscheiden läßt? Der sog. Turing-Test ist eigens hierfür schon 1950 (vom Namensgeber Alan Turing) vorgeschlagen worden. Im Blindtest führen menschliche Versuchskandiaten Gespräche (oder Chats) mit Maschinen, die über einen gewissen Grad von künstlicher Intelligenz verfügen. Sobald der kommunizierende Mensch sein gegenüber NICHT mehr für eine Maschine hält, ist der Test erfolgreich absolviert. Eugene Goostman z.B. ist ein 13jähriger ukrainischer Junge, der Eminem hört und Meerschweinchen als Haustiere hält. Tatsächlich ist er ein Programm - ein seit 2001 entstehender Chatbot -, das immerhin ein Drittel der mit ihm kommunizierenden Humanoiden davon überzeugen konnte, einer von ihnen zu sein. Die z.Z. stattfindende und im Zusammenhang mit der KI-Forschung stehende „Intelligenz-Explosion“ - ein Begriff, den der Mathematiker I.R. Good (1916-2009) bereits 1965 formulierte - läßt einem den Atem stocken. Kaum, dass ein Monat vergeht, wo nicht wieder irgendeine MaschinenSuperleistung gefeiert wird. Bemerkenswert an der aktuellen Debatte ist, dass die schärfsten Warnungen vor der z.Z. rapide entstehenden, nicht-humanen „Super-Intelligenz“ ausgerechnet von den Leuten kommen, die mit intelligenten Maschinen ein Riesenvermögen gemacht haben. Unter ihnen sind: Elon Musk (Tesla) und Bill Gates (Microsoft). 2015 hat der britische Autor und Regisseur Alex Garland einen bemerkenswerten Film in die Kinos gebracht, der den knappen Titel „Ex Machina“ trägt. In diesem Science-Fiction-Film, der gar nicht ferne Zukunft, sondern vielmehr reale Gegenwart darstellt, finden gleich mehrere TuringTests statt, mit verblüffenden und tragischen, aber konsequent zu Ende gedachten Verläufen. Das hierbei das menschlichste aller Gefühle - die Liebe - nicht nur im Zentrum der Testversuche steht - sehr viel später erst wird klar, warum das so sein muss -, sondern auch glaubhaft in Szene gesetzt wird - denn die Identifikation mit der Hauptfigur gelingt spielend -, macht den Film zu einem beunruhigenden Beispiel für die Ängste, die nicht mehr durch Verdrängen, Wegschieben, Bescheinigen irrealer Fiktionalität und ferner Zukünftigkeit entschärft werden können. Wer z.B. den Computer- und Roboticspezialist Prof. Hiroshi Ishiguro (Osaka University) mit seinem KunstGeschöpf „Erica“ sieht, fühlt sich nicht nur sofort an Alex Garlands Film erinnert, - incl dessen frühem Vorgänger „Prof. Rotwang“ und Fembot „Maria“ aus Fritz Langs Film „Metropolis“ von 1926 -, sondern entdeckt auch mühelos das bislang für fiktiv gehaltene Motiv der Macht männlicher omnipotenter Schöpfer über ihre von ihnen vollständig durchdrungenen weiblichen Maschinen. Sollte es je eine Eva gegeben haben, die aus Adams Rippe geschnitten worden ist, nirgendwo sonst wird dieser Mythos ins Gegenwärtige travestiert wie hier: der stolze Professor demonstriert sein sexuell stimulierendes Kunstgeschöpf! Wer darüber hinaus die sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten von „Sophia“ (Hanson Robotics) kennengelernt hat, versteht, dass der Moment, in dem Mensch und Maschine nicht mehr auseinanderzuhalten sind, nicht mehr fern ist - incl der Simulation humanoider Fortpflanzungsorgane. Solange sich Artificial Intelligence in Anthropoiden wie „Maria“, „Erica“ oder „Sophia“ u.a. festsetzt, kann man sich der Illusion hingeben, es handle sich um bloße Hybris. Um die Hybris einiger Ingenieure, die mit der Erschaffung menschenähnlicher Geräte ihre Gottgleicheit unter Beweis stellen wollen. Dem ist leider nicht so, überhaupt nicht: von anthropomorpher Menschenähnlichkeit wird künftig keine Rede mehr sein! AI wird es überall dort geben, wo Strom fließt, also fast überall. AI wird materialbedingte Beschränkungen, so wie sie die aktuelle, siliziumbasierte, d.h. Strom benötigende Rechnertechnologie aufweist, nicht akzeptieren. Design und Herstellung von BioRechnern, die auf mikrobiologischer und pflanzlicher Basis operieren, und denen LICHT als Energieform ausreicht, ist wahrscheinlich. In diesem Fall ist die Annahme, dass eine pflanzenähnliche Struktur über Intelligenz verfügt, gar nicht abwegig. Zu Ende gedacht bedeutete dies, dass wir in Zukunft durch lichte Waldlandschaften wandern werden, die gleichzeitig industriell nutzbare GrossRechner sind. Wälder dieser Form sind dann in der Tat „lebende“ MetaOrganismen, sie sind „intelligent“ und werden ganz sicher „Ohren-und-Augen“ haben. Tolkiens FANGORN-Wald aus dem „Herrn der Ringe“ wäre endlich Wirklichkeit, mehr noch: MYTHOS und INDUSTRIELLE PRODUKTION endlich keine Gegensätze mehr! Das AI in naher Zukunft alle Handlungen des Menschen begleitet (und kontrolliert) ist nicht mehr aufzuhalten - ein Alptraum. Wenn schon Facebook, - nicht gerade bekannt für irgendwelche Skrupel im Umgang mit der Erprobung neuer Technologien -, zwei AI-Applikationen gewaltsam beendet (2017), weil die Programme beginnen in einer Sprache zu sprechen, die den Entwicklern unbekannt ist, zeigt wie plötzlich der Umschwung einsetzt. Die o.e. „Intelligenz-Explosion“ (= exponentieller Anstieg maschineller Intelligenz, Autopoiesis intelligenter Systeme) hat ganz offenbar begonnen - mit unbekanntem Ausgang. Das von I.R. Good erwähnte Zitat aus dem Jahr 1965 lautet: „Let an ultraintelligent machine be defined as a machine that can far surpass all the intellectual activities of any man however clever. Since the design of machines is one of these intellectual activities, an ultraintelligent machine could design even better machines; there would then unquestionably be an ‘intelligence explosion’, and the intelligence of man would be left far behind. Thus the first ultraintelligent machine is the last invention that man need ever make, provided that the machine is docile enough to tell us how to keep it under control.“  (…) (D.H.)